Angst und Angststörungen

Wie Angststörungen entstehen

Wenn Angst chronisch wird – oder von der Angst zur Panik

 

Angst ist wie die Depression ein weit verbreitetes Problem unserer Zeit. Man könnte sogar sagen, es sind zwei Seiten derselben Medaille: während bei einer Panikattacke zu viel Spannung und Erregung im System sind, sind es bei einer depressiven Episode zu wenig.

Dabei ist die Angst grundsätzlich kein problematisches, sondern ein hilfreiches Gefühl: sie warnt uns vor drohenden Gefahren und sichert dadurch unser Überleben. Angst macht uns sofort wach und versetzt uns in die Lage, eine Entscheidung zu treffen: renne ich weg oder bleibe ich stehen? Mache ich mich kampfbereit oder trete ich den Rückzug an?

 

Angst – ein notwendiges Gefühl

Evolutionsbiologisch ist die Entscheidung, die wir in einer solchen Situation treffen, im Stammhirn angesiedelt, der ältesten menschlichen Gehirnregion. Unser Verstand spielt dabei keine Rolle – dieser wäre auch viel zu langsam, um uns rechtzeitig zu signalisieren, ob wir besser wegrennen oder auf den nächsten Baum klettern sollen. Das Stammhirn versetzt uns dagegen in die Lage, im Bruchteil einer Sekunde („Schrecksekunde“) zu reagieren.

Wenn die Gefahr vorüber ist, sollte die Angst relativ schnell wieder verschwinden. Vielleicht zittern wir noch ein wenig oder müssen uns ausweinen, aber dann sollte das Gefühl verflogen sein.

 

Wenn Angst zum Problem wird

Diese Art von lebensbedrohlichen Situationen, in denen die Angst ihren ureigenen Zweck erfüllt, sind im Normalfall alles andere als alltäglich. Dennoch haben es Millionen von Menschen in unserer Gesellschaft ständig mit der Angst zu tun. Die Psychologie unterscheidet dabei zwischen Phobien, bei denen die Angst an ein bestimmtes Objekt oder eine Situation gekoppelt ist (etwa Spinnen oder Menschenmassen), und Angststörungen, bei denen es durch Angst zu andauernden Kontrollverlusten, Panikattacken oder Lähmungen kommt.

Betroffene einer Panikstörung leiden unter plötzlichen Angstanfällen und Panikattacken, die in objektiv ungefährlichen Situationen über sie hereinbrechen und mit wiederum Angst machenden körperlichen Symptomen verbunden sind.

Ein wirksames Heilmittel gegen Angst ist Milde.
Lucius Annaeus Seneca
 

Symptome einer Panikattacke​

 

 • Atemnot, Engegefühl in Brust und Kehle (das deutsche Wort „Angst“ leitet sich aus dem Indogermanischen *anghu = „beengend“ ab)
• Hyperventilieren (in der Folge davon Muskelkrämpfe, Kribbeln im Gesicht und Händen)
• Zittern, Schwindel und Erbrechen
• Schweißausbrüche
• Herzrasen

 

Normalerweise dauert eine Panikattacke zwischen zehn und dreißig Minuten.

 

 

 

Wie entstehen Angststörungen und Panikattacken?

 

 

Es gibt vielfältige Theorien zur Entstehung von Angststörungen. Zwei davon möchte ich dir hier vorstellen.

 

Die erste Theorie besagt, dass Angststörungen durch traumatische Ereignisse entstehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dir diese Erfahrungen bewusst sind oder nicht – der Körper reagiert auch dann, wenn wir keine abrufbaren Erinnerungen an das Trauma haben.

 

Angst entsteht, wenn mein Körper auf einem sehr hohen Erregungsniveau ist, d.h. wenn ich viel Spannung in mir habe. Manchen Menschen ist dies gar nicht bewusst – sie spüren ihre enorme Spannung erst, wenn sie zur Ruhe kommen wollen und es ihnen schwer fällt, einfach nur dazusitzen.

 

Ist das Spannungsniveau im Körper grundsätzlich schon sehr hoch, braucht es nicht viel, um die Kurve weiter ausschlagen zu lassen. Der Körper reagiert auf den geringsten Reiz mit noch mehr Erregung und diese ist dann sofort so hoch, dass sie als Angst wahrgenommen oder interpretiert wird.

Ein Beispiel dazu: Ich nehme wahr, dass mein Herz anfängt schneller zu schlagen. Das löst sofort Angst in mir aus („oh nein, ich bekomme eine Panikattacke!“), die ich versuche zu kontrollieren. Auf diese Kontrolle reagiert mein Herz noch mehr, ich fange an zu schwitzen, will das wiederum kontrollieren, es funktioniert aber nicht usw. Es ist wie ein Schneeball, der zu einer Lawine wird. Tatsächlich gibt es intern im Körper einen Auslöser, auf den ich reagiere und der zum Selbstläufer wird. Das eigentliche Problem ist aber, dass die Grunderregung im System zu hoch ist.

 

 

Angst als bessere Alternative

 

 

 

Eine zweite Theorie geht davon aus, dass Panikattacken vom Körper gewählt werden, weil sie die bessere Alternative zur Erstarrung darstellen. Wie oben schon erwähnt, befindet sich bei einer Panikattacke zu viel Erregung im System, was dazu führt, dass der Kampf-oder-Flucht-Modus aktiviert wird. Bei einer Depression verhält es sich anders: hier ist zu wenig Spannung im System, was zu Antriebslosigkeit und Lähmung führt.

 

Die Untererregung ist die letzte Möglichkeit des Körpers im Falle eines Angriffs. Habe ich gekämpft und bin überwältigt worden, erstarre ich. Dauert dieser Zustand zu lange an, kommt es zum Totstellreflex. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang aus diesem Zustand nicht mehr herausfinden. Sie hängen intern in der Untererregung fest und leiden unter Symptomen wie Sinnlosigkeit, Kraftlosigkeit und ständiger Erschöpfung.

 

 

 

Der Körper, so die Theorie, will den Totstellreflex unbedingt vermeiden, und so fährt er lieber die Erregung hoch und bekommt eine Panikattacke, als in die Untererregung zu gehen.

 

 

 

Was kann ich bei einer Panikattacke tun?

Hier ist eine Übung, die du am besten zu einem Zeitpunkt ausprobierst, an dem du keine Panikattacke hast: Beobachte deinen Körper und versuche dabei, kein Gefühl zu benennen, sondern auf der Ebene der Empfindungen zu bleiben. Nimm einfach wahr, was ist, z.B. „ich bekomme Spannung im Brustbereich, mein Herz schlägt schneller …“, und übe dich darin, kein Gefühl daraufzusetzen, sondern nur deine körperlichen Empfindungen wahrzunehmen. Dann kannst du dich fragen: wo im Körper ist es vielleicht ganz angenehm? Wo fühlt sich alles in Ordnung an?

Wenn du das nächste Mal eine Panikattacke bekommst, erinnere dich an die Übung. Jetzt kannst du bewusst wahrnehmen, was in deinem Körper passiert, sobald der Anfall beginnt. Du weißt jetzt, dass du Alternativen hast. Atme weiter und nimm die Stellen in deinem Körper wahr, die sich noch angenehm anfühlen, und bleib dabei immer bei den Empfindungen.

Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte „Schmetterlingsübung“ aus dem EMDR. Dabei legst du die linke Hand an die rechte Schulter und die rechte Hand an die linke Schulter. Dann klopfst du in schnellem Tempo abwechselnd auf die linke und auf die rechte Schulter, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Das kann dir helfen, die Panikattacke in ihren Anfängen abzuwehren.

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