Die Freitagskolumne

 

Vor einigen Wochen bin ich mal wieder auf das Experiment von Simons und Chabris aus dem Jahre 1999 gestoßen. Einige von euch kennen es sicherlich, weil es inzwischen recht bekannt ist und auch in unterschiedlichen settings wiederholt und die Ergebnisse bestätigt wurden.

 

Bitte schau dir das Video an, bevor du weiter liest:


Als ich den Clip vor einigen Jahren zum ersten Mal anschaute, habe ich den Gorilla tatsächlich überhaupt nicht gesehen. Es war echt spooky.

Beim erneuten Schauen, fiel es mir hingegen schwer, den Gorilla zu übersehen und mich auf die Ballpässe zu konzentrieren. Es scheint, als seien Menschen nicht wirklich dazu prädestiniert, mehrere Dinge gleichzeitig aufmerksam zu sehen und zu fokussieren. Dies bestätigen auch die Weiterentwicklungen des Gorilla-Experiments und andere Studien zur selektiven Wahrnehmung bei Menschen:

Wir sehen, was wir beabsichtigen zu sehen. Eigentlich ist das fast schon ein Gemeinplatz. Paul Watzlawick hat in „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ sehr anschauliche Beispiele geschildert, wie diese Intentionalität der menschlichen Wahrnehmung genau die Realität produziert, die imaginiert wird. Wer nur einen Hammer als Werkzeug zur Verfügung habe, so Watzlawick, der sehe in jedem Problem immer nur einen Nagel. Was Watzlawick damit sagen will: Wir sehen nur das, was uns unser mindset, unsere Erfahrungsmuster und Glaubenssätze, unsere Werte, unser Menschenbild vorfiltert und nach einem blitzschnellen, unbewussten Selektionsprozess erst zur Wahrnehmung freigibt. Was wir sehen, ist also nicht das, was wir sehen – sondern was wir sind. Wir sehen, was wir sind.

Für mich hat diese Erkenntnis erst einmal was Erschreckendes. Das Erschreckende daran ist das Gefühl, Sklave der eigenen Wahrnehmungsmuster zu sein. Was, wenn mir mein mindset viele tolle Dinge vorenthält und ich aufgrund von frühen Prägungen dazu konditioniert wurde, bestimmte Dinge gar nicht erst zu sehen?

Mir fällt da ein Erlebnis ein, das diesen Gedanken veranschaulicht. Vor vielen Jahren war ich mit zwei Studienfreundinnen in Paris. Die beiden konnten kein Französisch, also musste ich die ganze Zeit sprechen und dolmetschen. Irgendwo in dem Stadtteil um Montmartre herum verliefen wir uns. Verzweifelt versuchte ich die Stadtkarte zu lesen, fuhr mit dem Finger hektisch über die Linien, schaute auf, versuchte Straßennamen zu entziffern, beugte mich wieder über die Karte. Fast eine Viertelstunde lang. Bis irgendwann eine der Freundinnen ungeduldig wurde und sagte: „Leyla, wieso fragst du nicht einfach jemanden?“ Und ich daraufhin erwiderte: „Ja, aber da ist doch niemand, den ich fragen könnte“. Die beiden starrten mich total fassungslos an. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“, sagte die andere Freundin. Es waren Massen von Menschen um uns herum, nur hatte ich sie nicht wahrgenommen. Wie so oft nicht. Es war einfach nicht Teil meines Wahrnehmungsapparates, potentielle Hilfeangebote zu sehen und anzunehmen. Ich erschrak damals selbst über mich.

Ein diffuses Gefühl von Beraubtwerden, Hilflosigkeit, Fatalismus schwingt immer mit, wenn ich mich mit konstruktivistischen Ideen beschäftige. Was, wenn die Welt, die ich momentan sehe, nicht real ist? Nicht das ist, was mir gut täte, was ich mir wünsche? Bin ich diesem konditioniert Blick hilflos ausgeliefert? Wie schaffe ich es, dass ich mich von Andersdenkenden, die sich eine andere Wirklichkeitsvariante konstruiert haben,  nicht bedroht fühle?

Aber auch ein Gefühl von Befreiung kommt auf. Denn wenn Wahrnehmung so etwas hochsubjektives ist, dann kann sie verändert werden – nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen. Indem Glaubenssätze und Werte hinterfragt werden. Indem man genauer hinschaut: ja, ich sehe dies und jenes, aber was ist da noch? Was blende ich gerade unbewusst aus? Ja, ich sehe Basketballspieler, die den Ball hin- und herwerfen, aber eben auch einen Gorilla, eine neue Gardine, hilfsbereite Menschen um mich herum, die mir den Weg zeigen? Und wesentlich scheint auch, dass man die eigenen Werkzeuge, Ressource, Sinne, Fähigkeiten der Realitätswahrnehmung und -bewältigung genauer unter die Lupe nimmt. Ist es wirklich nur ein Hammer, der mir zur Verfügung steht? Oder habe ich auch einen Stift, eine Kamera, einen Pinsel, eine Hand, Ohren, Hände   … ?

Ich glaube, das schwierigste daran ist, dass man/frau loslassen muss. Ein Stückweit bedeutet es: diejenige, die man ist, zu opfern für den Menschen, der/die man (auch noch) sein könnte. Andere, neue Wahrnehmungen erfordern ein verändertes mindset.

Robert Musik schrieb mal: „Ein großer Entdecker hat, als man ihn einmal befragte, wie er es anstelle, dass ihm so viel Neues eingefallen sei, darauf geantwortet: indem ich unablässig daran dachte. Und in der Tat, man darf wohl sagen, dass sich die unerwarteten Einfälle durch nichts anderes einstellen, als dass man sie erwartet.“

Ich finde diese Idee, so banal sie auch klingt, total stark. Vor allem, wenn ich versuche die Erkenntnis auf mein eigenes Leben anzuwenden, z.B. meinen Job. Warum stecke ich in diesem stressigen Job fest? Warum habe ich mir genau dieses Berufsleben (von Karriere mag ich nicht sprechen) aufgebaut? Welche Werte haben mich in dieses Hamsterrad hineingetrieben und bewirkt, dass es sich wie eine freiwillige Entscheidung, ja wie ein Traumjob und eine wünschenswerte Karriere anfühlte? Waren es überhaupt meiner Werte? Oder die Werte anderer? die meiner Eltern? Gesellschaftliche Vorstellungen? Oder war es vielmehr ein Überlebensmechanismus, der mich auf diesen Weg getrieben hat? Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem die eigenen Bedürfnisse keine Rolle spielten, nicht geäußert und nicht mal gefühlt werden durften, der/die gerät sehr leicht in bedürfnisverleugnende, lebensfeindliche Wahrnehmungsmuster und ergo ein „falsches“ Leben. Welches andere Menschen- und Weltbild ist erforderlich, damit ich andere Wege wahrnehmen, zulassen und beschreiten kann?

Umso wichtiger ist es sich zu vergegenwärtigen, dass es da draußen ein riesiges, großzügiges, buntes Universum voller Möglichkeiten und Potentiale gibt und wir nur lernen müssen diese zu erkennen. Es gibt tolle Jobs, wertschätzende Vorgesetzte, liebevolle Menschen, und viele, viele Hände, die gereicht werden und die ergriffen werden können, wenn man/sich mal in Paris oder sonstwo verläuft.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine Woche voller frischer Gorillasichtungen,

Eure Leyla

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