Balkonologie: oder die Kunst sich ein schönes Leben zu machen

Als ich letztens durch meinen Stadtteil schlenderte fiel mein Blick auf eine bizarre Balkonreihe direkt an der Hauptstraße: da gab es einen sterilen grauen Balkon mit zerbeultem Grill, überquellendem Aschenbecher und einem abgeranzten Besen in der Ecke, der sich neben ein dschungelähnlich wucherndes Balkonparadies, mit einer kaum sichtbaren, geschützten Sitzidylle in der Mitte reihte.  

Daneben wiederum ein liebevoll mit asiatischen Lampions, Buddha-Figuren und sanft klimpernden Windfängern dekorierter Ashrambalkon. Ob da jemand morgens stand und meditierte? Und rüberschaute zu dem Dschungelbalkon und dem Grillbalkon, um zu grüßen? Ich stand gegenüber vom Gebäude, die Straßenbahn rauschte zwischen mir und der Balkonreihe mehrmals hindurch und ich versuchte mir auszumalen, was das wohl für Menschen waren, die dort lebten, so Tür an Tür, im selben Wohnhaus, im selben Stadtteil, für den selten Mietpreis (nehme ich an), aber offensichtlich doch so unterschiedlich in ihren Haltungen zum Leben, zum Wohnen, zum Dasein.

Balkone sind für mich irgendwie das Sinnbild für den Glauben an die Gestaltbarkeit des Lebens. Wer sich die Mühe macht, den eigenen Balkon – der Balkon quasi als Augen, mit denen man aus dem intimen Wohnraum nach Draußen schaut und sich mit seiner Haltung zum Leben auch für das Außen sichtbar macht –  liebevoll einzurichten, der/die hat, glaube ich, eine besonderen Glauben ins Leben. Daran, dass man/frau sich ins Leben einbringen kann, es sich schön und bequem machen kann, schöne Spuren hinterlassen kann, auch für andere. Vielleicht legt man auch ein Stück weit wert darauf, gesehen, anerkannt, gelobt zu werden für seinen Blick für’s Schöne. Dafür, dass man sich die Mühe macht, die Welt zu gestalten.

Leider gehöre ich zu den armen minderprivilegierten balkonlosen Menschen. Dabei würde mir ein klitzekleiner Minibalkon schon reichen. Ein bescheidener Quadratmeter, der mir erlauben würde, einen kleinen Blumentopf rauszustellen. Oder meine bunte grünmetallene Zwergenfigur, die ich mal irgendwann auf einem Nachtflohmarkt erstanden habe. Oder ich könnte meine miefigen Turnschuhe nach dem Fitnessclubbesuch kurz zum Entstinken rauslegen. Meine rauchenden Gäste könnte ich, sobald sie die Glimmstengel zücken, kurz formvollendet rausbegleiten auf den Balkon – es wäre weitaus freundlicher als sie, wie jetzt üblich, raus in die Kälte zu jagen. Im Sommer könnte ich Zug-Lüften: so richtig schön alle Fenster aufreißen, das hochexplosive Knoblauch-Curry-Aroma und den Friteusendunst, mit dem schnittigen Zugwind radikal zum Fenster raustreiben.

Ja, ja, die kleinen bescheidenen Träume der balkonlosen Frau.

Ach, Balkone sind was schönes. Früher hatte ich mal einen, als ich in einer WG in der noblen Südstadt wohnte. Im Sommer saß ich dort inmitten der Tomatensträuche, die meine Mitbewohnerin angebaut hatte und lauschte beiläufig den Gesprächen der Menschen von den anderen Balkonen. In meinem jetzigen Stadtteil, ein klassisches Arbeiterviertel, gibt es eine riesige Hochhausplattensiedlung am Fluß, mit unzähligen Balkonen.

Gern gehe ich dort am Fluß spazieren, zücke mein SmartPhone und versuche im 200er-Zoom zu erkennen, wie die Balkone so sind. Ihr werdet es nicht glauben, aber es gibt in diesem – auf den ersten Blick trostlos wirkenden – Plattenbau unglaublich wunderschöne, mit viel Liebe zum Detail gestaltete Balkone. Balkone, mit einem Dschungel an Blumen, Sträuchern, Figuren, Möbeln, Lichtern, Dekorationen. Ich bewundere die Menschen, die es sich in dieser Platte gemütlich und schön eingerichtet haben.

Und dann gibt es dort Balkone, wo nur ein Grill und Besen steht. Vielleicht, wenn es hochkommt, noch ein Besen und ein Kehrblech. Ihr seid so doof, möchte ich den Leuten manchmal sagen – ihr habt diesen tollen Balkon, diese tolle Gestaltungsfläche, an der Schnittstelle zwischen Innen und Außen, einen Übergangs- und Begegnungsraum zwischen Ich und Welt … wieso macht ihr es auch nicht schön dort? Warum muss es so trostlos ausschauen? Glaubt ihr nicht daran, dass es in eurer Hand und Macht liegt, wie schön und bequem es um euch herum ist? Die Welt will gestaltet werden, nicht nur die Innenräume, sondern auch die öffentlichen Räume, die Straßen, Häuserfassaden, die kleinen Minigärten zwischen den Wohnblocks.

Unterwegs sah ich dann auch noch dieses Fahrrad, das mir die Laune für den Tag total versüßte:
Ich weiß nicht, wer dieses schöne kreative Arrangement geschaffen hat – vielleicht lauere ich ihm/ihr irgendwann auf, versuche sie/ihn beim Begießen dieses schönen Fahrrads zu erwischen – aber ich danke der Person schon einmal für dieses wunderschöne Fahrradbalkonetwas, das sie kreiert und uns geschenkt hat.

Eine Woche voller schöner Balkone und sonstiger Schönheiten

Eure Leyla


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