Die richtigen Freunde …  Exkurs Teil II zum Thema soziale Spiegelungen

Im Türkischen gibt es ein altes Sprichwort, das uns mein Vater nicht oft genug um die Ohren schlagen konnte – vor allem, wenn wir von daheim aufbrachen, um uns mit Freunden zu treffen:

Arkadaş seni 

Vezir de eder,

rezil de eder.

Sinngemäß übersetzt bedeutet es: Freunde können dich zum Wesir ( = ein hohes politisches Tier im Osmanischen Reich) machen, aber auch zum Lachobjekt.

Im Türkischen klingt dieser Spruch durch die phonetische Ähnlichkeit von Vezir und rezil schöner, runder, eingänglicher. Aber der Kern dieser alten Weisheit findet sich auch in anderen Sprachen, Kulturen und Sinnsprüchen: deine Freunde, deine Weggefährten, deine Netzwerke prägen deinen Charakter, deinen Umgang, deine Ziele und determinieren ein Stück weit auch, wie dein Lebensweg erfolgt.

Vor einigen Wochen schrieb ich schon darüber: wir spiegeln die Menschen, die uns umgeben, weil der Mensch ein Herdenwesen ist und das Überleben der menschlichen Spezies maßgeblich davon abhängt, wie gut er im Einklang und Gleichklang mit seinem sozialen Umfeld lebt.

Moran Cerf, ein Neurowissenschaftler von der Northwestern University (USA), untersucht genau diese Frage: wie sehr prägen uns die Menschen, mit denen wir uns umgeben? Wie weit reicht ihre Wirkung? Cerf untersuchte psychische Prozesse der Entscheidungsbildung bei Individuen und stieß dabei auf außerordentlich spannende Erkenntnisse, die über die ursprüngliche Fragestellung hinausgingen.

Bewusste Entscheidungsfindung ist extrem ermüdend, wie viele auch aus eigener Erfahrung kennen. Zahlreiche Studien haben wiederholt bestätigt, dass der Mensch nur eine begrenzte mentale Energie für willentliche Entscheidungen zur Verfügung hat. Was ziehen wir an? Wo und was essen wir? Welche Musik hören wir? Was machen wir in unserer Freizeit? Ständig muss unser Gehirn Energie aufbringen, um diese kleinen alltäglichen Fragen zu entscheiden. Deshalb passiert vieles von dem, was wir so tun den lieben langen Tag lang im Autopiloten. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass Glücklichsein ein Resultat „richtiger“ Entscheidungen sei und dadurch maximiert werden könne, dass man viel Energie in bewusste Entscheidungen fließen lässt. Solange wir die richtigen Entscheidungen im Leben fällen, so die Annahme, sind wir auf dem richtigen Pfad zur Lebenszufriedenheit.

Cerf ist anderer Meinung. Die Wahrheit sei, dass der Prozess der Entscheidungsfindung in der Regel mangelhaft läuft und sich auf allerlei Fehlannahmen und Vorurteilen gründet, die unsere Urteilsfähigkeit vermindern und verzerren. Zum Beispiel verklären wir oft negative Erlebnisse und deuten sie zu positiven um. Und andersherum. Oftmals funken uns Emotionen dazwischen und modulieren eine rational zu fällende Entscheidung zu einer irrationalen um. Und wir machen oft Entscheidungen, die wir eigentlich gern vermeiden würden, unterbewusst doch, weil sie uns sozial vorgegeben werden. Wir erlernen z.B. einen bestimmten Beruf, weil unsere Eltern, unsere Freund*innen, unser soziales Umfeld uns dies suggerieren – verfallen aber dennoch oft der Illusion, dass unsere Berufswahl unsere individuelle, ureigene Entscheidung war.

Cerfs Studien haben gezeigt, dass wenn zwei Menschen zusammensitzen, kommunizieren und einander Gesellschaft leisten, die in den Gehirnscans der beiden aufgezeichneten neuronalen Wellen und Muster nach einer Weile anfangen nahezu identisch auszuschauen. Wenn z.B. zwei befreundete Menschen gemeinsam ins Kino gehen und sich einen Film anschauen, den beide spannend finden, produzieren beide Gehirne ähnliche neuronale Muster.

Neben einem befreundeten oder emotional nahestehenden Menschen zu sitzen und einer Aktivität nachzugehen reiche vollkommen aus, damit die Gehirne und die mentalen Prozesse der beiden sich aneinander angleichen. Die Gehirne tarieren sich buchstäblich aneinander aus: das Verhalten werde angeglichen, aber auch der Raum, die Gerüche, die Geräusche und viele andere Dinge werden von beiden in ähnlicher Weise wahrgenommen.

Allein die Tatsache, dass die Person, die im Nachbarsessel im Kino sitzt, mir etwas bedeutet, bewirkt, dass mein gesamter Sinnesapparat sich ausrichtet nach den Eigenarten, Vorstellungen und Vorlieben ebendieser Person. Und vice versa. Ich kann mich tatsächlich erinnern, dass ich früher im Kino sofort nach dem „THE END“ aufsprang und aus dem Saal stürmte. Bis ich irgendwann mit einer neuen Freundin ins Kino ging, die bis zum letzten Takt des Abspanns sitzenblieb, die CAST-Liste checkte, der Schlussmelodie zuhörte, die Dankesworte las. Wir haben nie darüber gesprochen, aber ich habe das in den Folgejahren unserer Freundschaft verinnerlicht und nun mache ich es auch. Ich kann gar nicht mehr anders.

Ähnliche Angleichungsleistungen lassen sich in unterschiedlichen Lebensbereichen beobachten. Wenn Menschen anfangen schnell zu sprechen, spreche ich auch automatisch schneller. Seitdem ich mit einer sehr humorvollen, englischen Bürokollegin zusammensitze, wurde auch mein Humor britischer (=dunkler, sarkastischer). Und vermutlich vieles mehr, das sich meinem Bewusstsein entzieht.

Wie kann man diese Erkenntnis aktiv nutzbar machen? Cerf schlägt vor, dass man sich das eigene Leben bewusst so stressfrei wie möglich, ohne energieraubende Entscheidungen, aufbauen sollte, indem man das entscheidungsgebende Moment ins soziale Umfeld verlagert. D.h. die Menschen, die man mag und mit denen man sich umgibt, sollten idealer Weise genau die Charaktereigenschaften mitbringen, die man bei sich selbst gern fördern würde. Ganz selbstverständlich nimmt man die gewünschten Haltungen und Verhaltensweisen auf und setzt sie um. Ein Beispiel: wenn man lauter Sport treibende Freunde und Freundinnen hat, muss man sich nicht mehr jeden Tag individuell dazu aufrappeln, eine energieraubende Pro-Sport-Entscheidung zu treffen. Nein, ein sportbegeistertes Umfeld kann einem diese Entscheidung abnehmen, diese mittragen.

In meinem letzten Urlaub habe ich das stark am eigenen Leibe erlebt. Ich war mit einer Freundin unterwegs, die schon um 8 Uhr, beim ersten Hahnenschrei, auf den Beinen war und aktiv wurde. Anfänglich setzte mich das sehr unter Druck, ich widerstand diesem anfänglich jedoch und blieb weiter länger liegen, gammelte bis 10 oder 11 noch im Hotel herum, bis ich dann zur größten MIttagshitze aus dem Haus ging. Der Tag war dadurch natürlich für mich sehr kurz und strapaziös. Irgendwann gleichten wir uns dann allmählich einander an: Ich musste mich nicht mehr krampfhaft dazu durchringen, sondern stand automatisch früher auf. Die Freundin nahm mir die Entscheidung „Aufstehen oder nicht“? ab. Und sie wiederum blieb öfter mal länger liegen.

Cerf praktiziert diese Idee oft bewusst, z.B. wenn er Essen gehen will und es ihm zu stressig ist, sich um Wahl eines Restaurants und um die Reservierung zu kümmern. Stattdessen entscheidet er sich bewusst für eine bestimmte Person, mit der er essen gehen will; eine Person, der er vertraut, dass sie das richtige Restaurant heraussuchen wird. D.h. er fällt eine kleine leichte Entscheidung (die Auswahl der richtigen Begleitung) statt mehrere größere Entscheidungen, die ihn unnötig stressen würden.  Damit sichert er sich gleich drei wichtige Dinge, die zu seinem Lebensglück beitragen: richtige Begleitung, richtiges Restaurant, Stressfreiheit.

Die sicherste Methode Glück zu maximieren hat also weniger mit individuellen Erfahrungen, materiellen Gütern oder der persönlichen Lebensphilosophie zu tun als man gemeinhin annimmt. Tatsächlich hängt Glück und Glücklichsein sehr eng mit der Frage zusammen, mit wem du Zeit verbringst. Und das reicht über das Sprichwort meines Vaters (Wähle deine Freunde weise) weit hinaus.  Tatsächlich scheint das mitmenschliche Umfeld eines Menschen einer der wichtigsten Faktoren für Glück und Langzeitzufriedenheit darzustellen.  Ob man nun mehr Sport machen, weniger TV schauen, ein Musikinstrument lernen, geselliger werden oder stressfrei leben möchte. Die Realität regelmäßig scheiternder Neujahrsvorsätze zeigt, dass es sehr kräftezehrend sein kann, die Kraft für diese lebensverändernden Entscheidung allein aus sich selbst zu schöpfen. Leichter wäre es, laut Cerf, sich in ein förderliches mitmenschliches Umfeld zu begeben, welches die anvisierte Ideallebensform bereits lebt.

Sehr clever, wie ich finde.

Eine stressfreie Woche wünsche euch! Lasst öfter mal eure liebsten Freunde entscheiden.

Leyla


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