Ein Streunertag

Nach einem kleinen Behördengang entscheide ich spontan: eigentlich müsste ich heute meine freiberufliche Tätigkeit organisieren (Telefonate, Termine, Emails etc), aber ich gönne mir einen meiner heißgeliebten Streunertage.

Unterwegs kaufe ich einen Blumenstrauß und überfalle eine gute Freundin an ihrem Arbeitsplatz. Wir gehen spontan Mittagessen und erfreuen uns der letzten Sonnenstrahlen des Jahres. Sie wirkt gestresst, weil sie noch einen Termin hat. Mittagessen wollte sie sich heute eigentlich verkneifen, aber nun bin ich da und reiße sie aus ihrer Routine. Gern geschehen, selbstloser Freundschaftsdienst.

Ich stromere den ganzen Tag lang, fast 7 hrs durch meinen Lieblingsstadtteil – die detailverliebte, gut erhaltene Jugendstilarchitektur fasziniert mich auch nach Jahren noch sehr. Zwischendurch taucht eine lustige Melodie in meinem Ohr auf, die ich 5 Minuten lang mitsumme und zu der ich an der Bushaltestelle sogar kurz tanze (als ich mir sicher sein kann, dass niemand zuschaut).

Unterwegs suche ich mir immer wieder kleine ruhige Ecken, um nebenbei kleine Arbeiten zu erledigen: ich telefoniere und vereinbare Termine, schreibe zwei Emails, recherchiere eine Adresse, vagabundiere dabei aber munter weiter. Ich entdecke dabei eine neue Bäckerei, die ich noch nicht kenne. Wow, ich bin geflasht, in die MUSS ich rein. Was ist das mit Bäckereien und mir?

Ich fühle mich in Bäckereien auf Anhieb immer wohl, ganz gleich, in welcher Stadt, in welchem Land, wie groß, wie klein, wie exklusiv oder schäbig. Sogar in Bäckereiketten mit ihren generischen Aufbackbrötchen und dem schlechten Kaffee. Oft ist es so, als würden sie mich reinrufen: die freundlichen Angestellten, der Brotduft, die Ofenwärme, das Kaffeearoma, das warme Licht in den Stuben. Ich entscheide mich reinzugehen und einen Kaffee zu trinken. Eine halbe Stunde lang sitze ich dort, hänge meinen Gedanken nach, bis mir eine andere Bäckerei einfällt, in der ich schon seit vielen Jahren nicht war. Getrieben von Sehnsucht breche ich von der einen Bäckerei auf, um weiterzuziehen und in eine andere einzukehren.

Dort angekommen, klingelt mein Telefon: ein Kollege, der etwas mit mir klären möchte. Nach 5 Minuten kann ich mich wieder der Bäckerei zuwenden. Die Gemälde an der Wand sind neu. Und eine neue Brotsorte ist im Sortiment. Die Wärme des Backhauses macht mich müde, ich schaue aus dem Fenster, beobachte die Menschen draußen, wie sie durch’s Leben eilen. Die armen.

Es muss doch kombinierbar sein: das Ernsthafte und das Schöne, das Schwere und das Leichte, die Pflicht und das Leben, die Anspannung und die Entspannung. Ohne dass man/frau/mensch jedesmal radikal in Extreme rutscht: eine Woche oder ein halbes Jahr lang unter Hochdruck arbeiten, um dann abends, am Wochenende oder im Urlaub „leben“ bzw. vom Stress regenerieren zu können. Vor einiger Zeit las ich mal ein Sinnspruch, der auch meiner Vorstellung von gesunder Work-Life-Balance entspricht: Arbeit sollte so beschaffen sein, dass man keinen Feierabend oder Urlaub braucht, um sich von ihr zu erholen. Arbeiten um zu leben, statt leben, um zu arbeiten.

Nur wie findet man/frau/mensch so eine Stelle? Vermutlich gibt es Stellen, die meiner idealen WLB entsprechen gar nicht, wahrscheinlich müsste ich solch eine Stelle erst einmal für mich maßschneidern. Meine Fantasie anwerfen, mich selbst noch einmal unter die Lupe nehmen, mich im Alltag beobachten, meine Fähigkeiten, Talente, Interessen, auch meine Begrenzungen und Schwächen zusammenwerfen und überlegen, wie ich dieses wilde Sammelsurium in eine ganz spezifische Leylastelle überführe. Ich müsste rausfinden, unter welchen Bedingungen, in welchen settings und Arbeitsmodi ich gut funktioniere und mich gut und ungestresst fühle.

Mein großes Berufsvorbild ist ja Boomer, der Streuner. Ich weiß nicht, ob ihr Boomer kennt? Boomer ist ein Serienheld der 80er, ein kleiner herrenloser Hund, der durch’s Land zieht und allerlei Abenteuer erlebt.

Vor kurzem musste ich beim Arbeitsamt wegen meines bald auslaufenden Arbeitsvertrages vorsprechen und als die Beraterin mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, auch in einem anderen Bereich zu arbeiten oder umzuschulen, war ich kurz davor zu sagen: Oh ja, ich hätte da eine Idee. Ich könnte mir vorstellen in Zukunft Vollzeit herumzustreunern. Von Bäckerei zu Bäckerei. 😉

 


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