Da soll mal einer sagen, dass Hausarbeit öde und uninspirierend sei. Am Wochenende war ich mal wieder mit Hausputz und Wäsche und so Krams beschäftigt.  Und dabei ist mir etwas (leider) extrem Seltenes passiert. Die Sonne schien, ich saß bei den Waschhühnern – einem Waschsaloncafé, wo ich gern größere Sachen wasche – vor mir Kaffee, Kuchen, die neue InStyle.

Im stumm gestellten Fernseher über den Maschinen lief eine Dokumentation, deren Thema für mich trotz bekannter Gesichter aus den 50er Jahren bis zum Schluss unidentifizierbar blieb. Mit zusammengekniffenen Augen oszillierte ich gelangweilt zwischen Fernseher, Waschtrommel, Kaffee, Kuchen, Zeitschrift. Im Radio spielte, unaufdringlich, David Bowies „Space Oddity“ … ein Song, den ich liebe und fast auswendig kann. Ich sang mit. Totaler multisensorischer Overload.

Keine Ahnung, was der genaue Auslöser war, wahrscheinlich das gesamte komplexe Arrangement aus „Can you hear me, Major Tom?“, pomadösen Frisuren, Lippenstiftempfehlungen von einer der Kardashians (diese dicklippige, ihr wisst schon), Orangen-Panacotta-Aroma, Sonnenlicht, hypnotisierendem Waschtrommelgesäusel …. Bzzzzzt!!! .Plötzlich fühlte ich mich total elektrifiziert, glücklich, inspiriert, kreativ, kurzum: voller Leben und Tatendrang. Ich erschrak ein wenig – woher kam das so plötzlich und zufällig? So vollkommen unintentional, kontextlos, fast schon offenbarungsähnlich.  

Hallo?! Ging es die ganze Zeit nicht um Ich-Stärkung und Selbstwirksamkeit? Dies hier passierte vollkommen ohne mein Zutun und selbst-unwirksam. Kennt ihr Rilkes „Der Panther“?

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

September 1903

Es war so wie in der dritten Strophe, in der es heißt:

„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf – dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein“.

Nur, dass das Bild nicht aufhörte zu sein. Zwei Stunden lang nicht. Plötzlich war alles hell und lichtdurchflutet in mir. Plötzlich blühte da wieder was. Ein klares Bild entstand vor meinem inneren Auge: wie ich leben möchte, was mich glücklich machen würde, was ich tun müsste, um es umzusetzen. Alle Antworten auf sämtliche Lebensfragen, gleichzeitig, in einem großen visionären Gesamtbild. Und ich weiß gar nicht mehr, wann es mir zuletzt so ging, muss über 15 Jahre her sein. 🙁

Jedenfalls habe ich die Gunst und Kraft der Stunde genutzt, um mir ein neues Leben zu imaginieren, ganz nach meinem Geschmack.

Kann das sein, dass der sensorisch-sinnlich aufgeladene Waschsalonraum einen freischwebenden assoziativen Modus geschaffen hat, in dem plötzlich meine begrenzte Vorstellungskraft über ihre Horizonte gewachsen ist?  Wo und wie kann man solche kreativitätsförderlichen und grenzensprengenden Situationen finden oder bewusst selbst kreieren? Ich fände es clever, wenn ich das – gerade in Stress-Situationen – gezielt und strategisch einsetzen könnte. In der nächsten Zeit werde ich mal damit experimentieren: mich bei Kaffee und Kuchen über die neuesten Skandale der Kardashians amüsieren (es gibt wahrlich schlimmeres!) und David Bowie hören:

 

Eine Woche voller lichter Momente, 

eure Leyla

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