Monkey see, monkey do: Im Spiegel des Anderen

Körperlich kurz vor dem hochsommerlichen Hitzetod stehend und innerorganisch nahezu ausgetrocknet, radelte ich mit rasantem Tempo vor den REWE-Markt und sprang hektisch von meinem klapprigen Rad. Schnell noch irgendwo anschließen, dann flink hinein ins kühle Konsumwunderland, dachte ich. Bis mich eine 30-Kippen-am-Tag-Männerstimme aufschreckte: „Können Sie nicht aufpassen? Ich stehe hier schon die ganze Zeit und Sie trampeln über mich hinweg“. Ich versuchte mich zu entschuldigen „Das tut mir leid, ich habe Sie leider nicht ….“, aber ich kam nicht weit. Er wetterte unaufhörlich weiter: „Dumme Sau, können Sie Ihr Scheißrad nicht woanders anschließen, ich stand hier schon vor Ihnen, die Leute sind so asozial und egoistisch geworden, es ist zum Kotzen ….“.

Es machte keinen Sinn, noch irgendwas zu erwidern. Ich wartete geduldig ab, bis sich eine kurze nikotingeschwängerte Atempause ergab und sagte dann: „Ja, tut mir leid, ich war ein wenig stürmisch unterwegs. Aber warum sind Sie so unfreundlich?“. Er schnaufte laut, „Schweinerei, sowas, dämliche Trulla!“, drehte sich abrupt um und ging. Sekunden später fiel mir ein: „Unglücklich. Warum sind Sie so unglücklich?“ hätte besser gepasst.

Ich nahm mir einen Korb, ging zu den Milchwaren, dann zu den Getränken, zum Brot, zu den Tiefkühlsachen. Eigentlich hatte ich das kurze Alltagsintermezzo bereits vergessen, sowas passiert mir an manchen Tagen alle Nase lang und ich bin äußerst bewandert darin, sinnlose Mikroaggressionen und Pöbeleien routiniert an mir abperlen zu lassen. Das Ganze fühlte sich wirklich wie abgehakt an.

Bis ich plötzlich vor einem dieser Spiegel innehielt, die an den Säulen in der Obst- und Gemüseabteilung angebracht sind, und in mein eigenes unglückliches Gesicht blickte. Häh? War ich schon vorher so unglücklich oder hatte mich das Erlebnis so unglücklich gemacht? Das war kein Ausdruck von Wut oder von Genervtsein in meinem Gesicht, sondern von tiefem Unglück. Nein, keine nach unten fließenden Mundwinkel (= Missmut, runtergeschluckte Wut), sondern eher Augentrauer, d.h. wirklich aufrichtige existentielle Trauer, ohne Wutbeimengung. Und plötzlich fühlte ich es auch, ja, der Typ hatte mich echt unglücklich gemacht! WTF?!

 

In der Psychologie wird schon seit langem erforscht, wie sich Gefühle übertragen. Lachen und Fröhlichkeit, weiß jeder, sind ansteckend.

Doch nicht nur positive Gefühle, sondern auch Einsamkeit, Trauer, Unglücklichsein, Depressionen, Traumata etc. sind ansteckend. Menschen, die sich mit einsamen, traurigen, depressiven Menschen umgeben, neigen selbst sehr stark zu Einsamkeit und Depression. Neueste Forschungen zeigen, dass sogar körperliche Erkrankungen wie Adipositas und Diabetes II oder auch Suchterkrankungen (Alkohol, Nikotin etc) ansteckend sind. Wer in seinem Umfeld viele übergewichtige, diabetische, rauchende, trinkende Menschen hat, der/die neigt stärker dazu, selbst übergewichtig zu werden, wenig Sport zu machen, zu trinken, zu rauchen.

Auch Körpersprache überträgt sich auf andere Menschen. Kinder übernehmen die Körperhaltungen der Eltern, erben die Trauerbuckel der Mutter, die Frustmimik des Vaters, die Schnodderschnauze des Opa. Es gibt Studien, die zeigen, dass Personaler „spiegelnde“ Bewerber sympathischer finden als Leute, die sich körpersprachlich nichtresonant ausdrücken.  Bewerbungsratgeber empfehlen: „Spiegeln Sie Kleidungsstil, Mimik, Gestik desjenigen, der Sie einstellt“. Das erhöhe die Chancen. Auch Habitus (Auftreten, Umgangsformen, Werte etc) scheint ansteckend zu sein, z.B. Arbeits- und Bildungsverhalten, Toleranz, Weltbild etc.

Ich kann mich an meinen dreimonatigen Studi-Job bei Telefunken am Fließband erinnern: innerhalb kürzester Zeit fing ich an, wie die Menschen dort zu ticken und zu sprechen – handfester, pragmatischer, prosaischer. Als ich dann im Oktober wieder an die Uni kam, fiel es mir schwer, den verwinkelten Endlossätzen der Professorin zu folgen. „Kann die das nicht klarer und anschaulicher ausdrücken? Welche Relevanz hat das Geschwätz für das Leben dort draußen.“ Nach vier Wochen war der Spuk wieder vorbei und die obligatorischen hypotaktischen Schachtelsätze gingen mir wieder wie Balsam über die Zunge. Ja, ob mensch will oder nicht: unser höchst individuelles Handeln und Denken entfaltet sich in einem komplexen Kabinett der sozialen Spiegelungen, Resonanzen, Adaptationen.

Doch wie lässt sich der Spiegelungsdrang des Menschen erklären?

Der französische Psychoanalytiker und Philosoph Jacques Lacan näherte sich dieser Frage aus der entwicklungspsychologischen Perspektive. In der Entwicklung des Kleinkindes gibt es, Lacan zufolge, eine besondere Entwicklungsphase, das sogenannte Spiegelstadium (ca 6. bis 18. Lebensmonat), in dem das Kind sich spielerisch dem eigenen Spiegelbild nähert. Es erkennt, dass die Gestalt im Spiegel kein anderer Mensch ist, sondern eine Spiegelung seiner selbst. In genau diesem Moment, so Lacan, in dem das Kind, eine Identität zwischen Ich und Spiegelbild herstellt, entsteht das menschliche Bewusstsein. Die Selbstbewusstheit des Menschen ist also ein Zustand, der aus der Kongruenz von Ich und Du resultiert.

Das ist natürlich sehr, sehr verkürzt und vereinfacht dargestellt, aber was Lacan im Grunde sagen möchte:  Das Ich ist nicht das Ich – das Ich ist ein Anderer. Es gibt kein Ich ohne Spiegelung – es ist ein Produkt der Spiegelung. Die Spiegelung ist also Bedingung unseres menschlichen Seins und Wesens. So ist auch der Spiegelungsdrang des Menschen zu verstehen: wir fühlen unbewusst natürlich, dass wir existentiell durchdrungen sind vom Nicht-Ich, vom Anderen und arbeiten uns immer wieder (auch wenn wir allein zu Hause sind und eine leere Wand anstarren) an diesem Ur-Riss ab, der unser Sein und Wesen begründet.

Hier ein Clip für an Lacan Interessierte:

https://www.youtube.com/watch?v=agTYUU4gTOo

Andere Wissenschaftler_innen geben biologische, neurowissenschaftliche, sozialpsychologische Erklärungen für den Spiegelungsdrang des Menschen. Stichwort: Spiegelneuronen. Im menschlichen Gehirn wird ein Resonanzsystem verortet, das bewirkt, dass die Gefühle und Stimmungen anderer Menschen auch bei uns, in unseren Nervenzellen, Schwingungen erzeugt. Es heißt, dass es reicht, dass wir eine Handlung oder ein Gefühl bei anderen nur zu beobachten brauchen. Sofort senden die Spiegelneuronen in unserem Gehirn Signale und produzieren ähnliche Gefühle. Empathie entsteht. Und Empathie ist ein wichtiger Überlebensmechanismus. Nur wenn wir Resonanz und Übereinstimmung mit unserem sozialen Umfeld herzustellen und uns zu adaptieren in der Lage sind, können wir unser Überleben sicherstellen. Das ist auch bei Tieren so, Mimikry nennt sich das in der Tierwelt. Bei Schimpansen lässt sich das sehr gut beobachten, wie sie ihre Artgenossen imitieren, um sich in das Sozialgefüge einzugliedern.

Wieso beschäftige ich mich so eingehend mit diesem Thema? Ich frage mich, ob man diese spannende menschliche Kompetenz stärker bewusst betreiben und als Lebensstrategie kultivieren könnte. Gerade wenn man sich in ungünstigen Lebensphasen und – situationen befindet, könnte man versuchen strategische, aufbauende, empowernde Spiegelungen zu betreiben. Intuitiv habe ich das immer gewusst und praktiziert, z.B. bin ich in meinen depressiven Phasen oft viel unterwegs gewesen und habe Menschen beobachtet: wie sie reden, wie sie lachen, wie sie sprechen, wie sie lieben, wie sie hassen. Alles im Grunde. Und dann habe ich versucht zu imitieren. Wie Affen: monkey see, monkey do. So tun als sei man ein funktionierender, normaler Mensch. Das half mir sehr, wieder an Kontur zu gewinnen. Plötzlich wusste ich wieder, wer ich bin, was ich will, wohin ich will, wo ich aufhöre, wo andere beginnen. Plötzlich wurde aus dem amorphen Zellhaufen wieder ein Mensch.

Es funktioniert also! Und nachdem ich lange Jahre meinen Geburtstag nicht gefeiert hatte, habe ich dieses Jahr entschieden, heuer die allerliebsten, freundlichsten und nettesten Freundinnen und Freunde einzuladen und im kleinen Kreise zu feiern. Es ist keine Pflichtparty, wie sonst so oft, sondern eine Zelebrierung des Nett- und Freundlichseins und der Verbundenheit, mit der Hoffnung, dass wir uns gegenseitig zu Glückshöchstleistungen hochspiegeln. J

Und ich werde versuchen, die Ansteckung mit unschönen Gefühlen, Verhaltensweisen, Werten, die mir zuwider sind, zu vermeiden, z.B. keine Kommentarspalten von Online-Zeitungen lese und mich nicht unnötig der Hasssprache und den menschenverachtenden Ideen aussetzen, die im Moment um uns herum florieren.

 

Du wirst, womit du dich umgibst.

In diesem Sinne: Baut euch viele schöne Spiegelbilder!

Eure Leyla

 

 

 

Hier einige Quellen zum Nachlesen:

https://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/04/stimmung-schlechte-laune-ansteckend

https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/news/psychologie-glueck-wirkt-ansteckend_aid_353586.html

https://www.spektrum.de/news/sind-traumata-ansteckend/1534611

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/29293/Hohes-soziales-Ansteckungsrisiko-der-Adipositas

https://www.aerztezeitung.de/panorama/article/579658/einsamkeit-ansteckend.html

https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/isolierung-einsamkeit-ansteckend-wie-grippe/1641984.html

https://ethik-heute.org/hasssprache-ist-ansteckend/

 

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