Weinen oder Lachen?

Manchmal habe ich das untrügliche Gefühl, dass es da oben eine äußerst humorvolle göttliche Instanz gibt, die das Skript für mein Leben schreibt und sich dabei totlacht. Anders sind manche Ereignisse einfach nicht zu erklären.

Gestern war mal einer dieser extrem hektischen Stresstage, an denen ich mir buchstäblich jede einzelne Sekunde aus den Rippen schneiden musste: der letzte Tag vor dem Urlaub, um 0 Uhr musste ich zum Flughafen, um den 3:00-Uhr-Flug zu meinem Urlaubsort zu bekommen.

Um sechs Uhr morgens lief ich schon am Arbeitsplatz auf. Im Büro ging es heiß her, d.h. es mussten sämtliche offenen Posten auf meiner auf drei Monate angelegten To-do-Liste in so weit erledigt, geklärt oder neu terminiert werden, so dass sich in den drei Wochen meiner Absenz keine Katastrophen ergeben würden. Ich ging die Liste im Pareto-Prinzip (nur die wichtigsten, dringlichsten 20% erledigen, den Rest auf später vertagen oder delegieren!) durch, hakte unter Hochdruck alle unaufschiebbaren Aufgaben ab und verschob die anderen resolut in die Wochen nach meiner Rückkehr. Wow, ungläubig stellte ich mal wieder fest, wie krass effektiv ich sein konnte! Wieso nur pflegte ich nicht jeden Tag den „letzter Tag vorm Urlaub“-Arbeitsmodus“? Dennoch blieb ein fader Nachgeschmack: die Rückkehr Mitte Oktober würde schmerzhaft sein. Lohnte sich Urlaub überhaupt, wenn man drei Wochen später unter der Lawine an aufgeschobenen und neu hinzukommenden Aufgaben begraben werden würde? Wäre es nicht entspannter daheim zu bleiben und weiterzuarbeiten?

In diesem Tempo werkelte ich bis 17 Uhr rum, um dann heimzufahren und noch einen Sack voll Wäsche zu waschen: ich warf alles in die Trommel rein, wählte das Energiesparprogramm, während ich den Haushalt einigermaßen auf Vordermann brachte, wichtige Korrespondenzen erledigte, Müll rausbrachte, Nachbarn instruierte, den Kühlschrank ausmistete … ein Blick auf die Uhr: 21 Uhr, die Wäsche war fertig! Schnell rausholen und rüber in den Waschsalon, um sie dort flink zu trocknen.

Plötzlich klingelt es an der Tür: mein Bruder kommt vorbei, um meine Hausschlüssel abzuholen, wegen Blumengießen und so. „Magst du den Gorgonzola-Käse und die marinierten Oliven haben? Ich schmeiß die sonst weg. Ach ja, Schokolade ist da auch noch. Und ein Beutel mit Zwiebeln.“ „Klar, her damit, damit koche ich was schönes morgen“, antwortet er und ich freue mich, dass ich die Sachen sinnvoll loswerde. Oh, und mein Herr Bruder erklärt sich sogar gentlemanlike bereit mir die Tasche mit den nassen Sachen zum Waschsalon rüberzutragen. Sehr fein, das.

Wir kommen dort an, ich kippe den blauen Ikea-Beutel mit der Wäsche blind in den Trockner, werfe zwei Euro in den Automaten und drücke den Knopf. Ein Blick auf die Uhr: 21:35 Uhr. Alles bestens also, in 30 Minuten ist das Zeugs trocken und fertig. Wir haben sogar noch Zeit für einen Kaffee am Kiosk um die Ecke. Er zündet sich eine Zigarette an, ich schlürfe meinen Kaffee und phantasiere schon von den drei Urlaubswochen. Eine Freundin würde mich nächste Woche dort besuchen, wir würden ein wenig rumreisen, Sightseeing, vielleicht sogar ins frühherbstliche Meer springen. Yippiii.

Ehe wir uns versehen, ist die Wäsche trocken. Ich husche schnell rein, öffne die Glastür des Trockners und … ppffffffff …. flattert mir eine warme Wolke Zwiebelschalen ins Gesicht. Nanüüüü?! Was ist das? Ich greife rein, um die Sachen rauszuholen: noch mehr Zwiebelschalen. Und in den unteren Lagen: geschredderte Oliven, Käseschmiere, Schokoladensoße. All over the place. Langsam dämmert es mir: mein Bruder hatte unterwegs tatsächlich die Tüte mit meinen Kühlschrankresten in die Ikea-Tasche mit der nassen Wäsche getan. Und ich hatte den gesamten Ikea-Beutel-Inhalte, ohne nähere Inspektion, in die Trommel geschüttelt. Arrrgh. Alles stinkt penetrant nach Gorgonzola-Zwiebel-Oliven. Fast das ideale Pizza-Aroma, verfeinert mit Schoko-Vanille. Die Klamotten total durchgefettet, der Trockner schmierig.

Soll ich weinen? Mich aufregen? Lachen? Gleichzeitig? Nacheinander? Die Müdigkeit komplettiert das Gefühl der Überforderung. Ich entscheide mich für lachen. Die Waschsalonbesitzerin lacht zum Glück mit. Sie meint, wenn wir eine Pizza aufbacken wollten, sollten wir ihr das direkt sagen, es gäbe hinten einen Herd dafür. Und mein Bruder setzt noch einen drauf, wir Südländer wuschen unsere Klamotten halt gern in Knoblauch. Ich kehre mit der bloßen Hand die Lebensmittelreste aus der Trommel: Das nehmen wir mit, daraus können wir noch einen feinen Salat zaubern. Die Klamotten packe ich in eine Tüte und stopfe diese lieblos in den Koffer, ich würde sie am Urlaubsort waschen. Und mich dabei sicherlich scheckig lachen.

Ist es nicht seltsam, dass, wenn man nicht mehr weiter weiß, von einer Pechsträhne in die nächste gerät, sich am Ende seiner Kräfte wähnt, manchmal so ein überirdischer Humor einsetzt? So dass man fast reflexhaft wie King Lear in den Himmel schreien möchte:

„Ne, oder? Das kann nicht dein Ernst sein! Was bessres ist dir nicht eingefallen?“

Ich glaube inzwischen tatsächlich, dass jede noch so aussichtslos scheinende Situation in sich den Keim für einen grandiosen Lachanfall birgt. Je aussichtsloser, umso lustiger. Das Leben kann nervtötend und stressig und megascheiße – und gleichzeitig saulustig sein. Von oben betrachtet kann unser tägliches Treiben und Abstrampeln wie feinster slap stick wirken. Die Perspektive macht’s.

Eine humorvolle Woche wünscht euch

Leyla


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