Wenn Introvertierte mit Extrovertierten befreundet sind …

Es gibt da diese wunderbare Szene aus einem 80er-Jahre Hollywood-Film, über die ich mich immer wieder kaputtlache. Der Film „Peaches“ handelt von zwei langjährigen Freundinnen, vom wechselhaften Leben und den unterschiedlichen Lebenswegen der beiden und der Geschichte ihrer Freundschaft. Die Protagonistin Peaches (gespielt von der grandiosen Bette Midler) ist eine selbstbewusste, schöne, erfolgreiche Schauspielerin. Ihr Gegenpart (deren Namen ich symptomatischer Weise immer vergesse) ist eine ruhige, introvertierte, unauffällige Frau, mit der Peaches seit ihrer Jugend befreundet ist. Das ungleiche Freundinnenpaar geht durch Dick und Dünn, streitet sich oft, rauft sich jedoch immer wieder zusammen, oftmals dank der verständnisvollen, selbstlosen introvertierten Freundin, die die Eskapaden ihrer extrovertierten Schauspielerfreundin zu nehmen weiß. In der besagten Szene treffen sich die beiden mal wieder und Peaches plaudert drauflos. Sie erzählt und erzählt, bis sie irgendwann innehält und sagt: „Du, das tut mir leid, jetzt habe ich die ganze Zeit geredet und habe dich gar nicht zu Wort kommen lassen. Jetzt bist du dran!!! Sag DU doch jetzt mal: was hältst du von meinem Kleid?“

Jedes Mal, wenn ich den Film gesehen habe, dachte ich: kann das in realiter überhaupt klappen? Können eine Introvertierte und Extrovertierte befreundet sein, zu beiderseitiger Zufriedenheit? Meine diesbezüglichen Selbstversuche – Urlaub mit einer Extrovertierten – deuteten mir nahezug durchgehend an: befreundet kann man/frau sicherlich sein, im Geiste oder gefühlsmäßig oder so ähnlich. Aber sobald es um gemeinsame Aktivitäten geht – also die freundschaftliche Praxis zwischen Intros und Extros -, ist der Frust nicht fern.

Die eine möchte am liebsten ständig von Menschen umgeben sein, rausgehen, in Bewegung sein, etwas unternehmen, Verbindung zu anderen herstellen, möchte kommunizieren und sich austauschen … ganz einfach, weil sie so am besten auftanken kann: mitten im gesellschaftlichen Geschehen, in Interaktion, mit und unter Menschen, dort wo das Leben pulsiert.

Und die andere möchte am liebsten an einem ruhigen Ort weilen, wo sie ungestört ihren Gedanken, Ideen, Gefühlen nachhängen kann, ihre Umwelt aus der sicheren Distanz beobachten, vielleicht was lesen und in die Luft starren kann … ganz einfach, weil sie so am besten auftanken kann: inmitten von Menschen, aber ein wenig abseits, vom Rande des Geschehens aus, wo sie nicht in den Strudel des Lebens mit hineingezogen wird, diesen aber gut beobachten kann.

Bekommt die Extrovertierte zu wenig „Action“ und Austausch, geht sie ein, wird womöglich depressiv. Setzt sich die Introvertierte zu viel gesellschaftlichem Lärm und Gewusel aus und bekommt nicht genug Zeit zum Ausatmen und Sammeln, geht ihr die Lebensenergie aus.

Wie kommen Menschen mit solch unterschiedlichen Gefühls- und Wahrnehmungswelten und Lebensstrategien auf einen gemeinsamen Nenner, so dass beide Seiten einigermaßen glücklich sind?

Das ist erfahrungsgemäß sauschwer und aktuell neige ich dazu zu sagen: Das kann nur funktionieren, wenn beide Seiten um die jeweiligen „Wohlfühlfaktoren“ des Gegenübers wissen und in der Lage sind, sich ein Stück weit darauf einzulassen, sich selbst zurückzunehmen. Wenn beide wissen, was sie vom jeweils Anderen haben.

Die Introvertierte profitiert vielleicht davon, dass sie so leichter dem – oftmals zwar gewünschten aber hin und wieder auch in Isolation und Einsamkeit mündenden introversionsbedingten –  Alleinsein entkommen kann. Oder dass ihr die Freundschaft zu einer Extrovertierten ermöglicht, Zugang zu spannenden, inspirierenden sozialen Netzwerken und Kontakten zu finden. Die Nähe zu einer Extrovertierten könnte möglicherweise berufliche Türen öffnen oder das Kennenlernen eines potentiellen Partners, einer Partnerin erleichtern. Sie sieht, dass Bezugnahme auf, Spiegelung und Austausch mit Anderen das eigene Selbst nähren und befruchten kann.

Die Extrovertierte hingegen profitiert womöglich davon, dass die Introvertierte ihr im Trubel des Lebens einen Ruhepol bietet, dass sie ihr einen Einblick gibt in die Tiefen und Weiten des Denkens und des Fühlens, die sich erst mit der bewussten Abwendung vom Äußeren, mit dem Innehalten und der Introspektion entfalten. Oder dass ihr die Freundschaft zu einer Introvertierten zeigen kann: es kann Kraft geben, nicht immer nur „das Außen“ und „Andere“, sondern hin und wieder auch sich selbst und das eigene Innenleben zum Bezugspunkt für das eigene Sein, Fühlen, Denken zu machen. 

Funktionieren kann dies nur, wenn beide sich immer wieder vergegenwärtigen: die Andere macht das nicht, um mich zu ärgern oder fertigzumachen, sondern weil ihre Wohlfühl- und Bedürfnisstruktur ihr das so vorgibt. Es ist nicht persönlich gemeint. Was kann ich tun, um der Anderen ein wenig entgegen zu kommen?

Und es gibt unzählige Gründe, warum das ganze nicht funktionieren kann. Zum Beispiel, wenn die Extrovertierte sich von der Introvertierten vernachlässigt, abgelehnt fühlt, nur weil diese sich gelegentlich zurückziehen muss, um sich auf sich selbst zu besinnen und neue Kraft zu tanken. Oder wenn die Introvertierte sich bedrängt fühlt, weil die Extrovertierte ständig Nähe, Spiegelung und Austausch sucht, um sich lebendig und wahrgenommen zu fühlen. Die eine rückt näher, während die andere weiter wegrückt – und sie tun dies beide aus einer ähnlich existentiellen Notwendigkeit heraus.

In der Praxis ist dieser Balanceakt sehr schwierig zu halten. Und ich muss gestehen, dass es unzählige Beispiele in meinem Leben gibt, wo dieses schwierige Unterfangen gescheitert ist.

Mich würde interessieren, welche Erfahrungen ihr mit freundschaftlichen, beruflichen, familiären Extro-Intro-Konstellationen gemacht habt?  Können Intros und Extros gut miteinander? Wenn ja: unter welchen Bedingungen? Oder sollte man sich doch auf die altbewährte Formel „Gleich und gleich gesellt sich gern“ besinnen? Oder vielleicht sind wir doch im Grunde alle „Ambiverte – Mischsubjekte mit sowohl Intro- als auch Extro-Anteilen?

Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen und Ideen.

Eine schöne Woche – egal ob actionreich oder besinnlich, Hauptsachte energiegeladen,

Leyla


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