Wenn Menschen Menschen hassen…

Vor einigen Tagen musste ich mal wieder an eine der grandiosen „25 Fragen an die Menschheit“ denken, die der nicht minder grandiose schweizerische Schriftsteller Max Frisch in seinen Tagebüchern formulierte.

Hier könnt ihr einen Teil seines umfangreichen Fragenkatalogs an die Welt nachlesen (die gesammelten Fragenkataloge finden sich im Tagebuch 1966 – 1971:

https://www.weidigschule.de/biblio/FragenFrisch.pdf

Was ich an den Fragen so mag ist der zynisch-feinsinnige Humor und das unorthodoxe Welt- und Menschenverständnis. Und die ethisch-moralische Offenheit, die darin mitschwingt. Ich kann mich erinnern, dass mich die Frage 22 damals beim ersten Lesen ziemlich umgehauen hat, ich fand sie grenzverletzend und extrem lustig zugleich – und musste sehr lange nachdenken:

 

22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?

Frisch suggeriert hier, dass die Neigung zu Mord und Totschlag normal und angeboren sei und fast schon eine menschliche Kernpflicht darstelle. Und dass es erklärungsbedürftig sei, wenn man gänzlich ohne Mord und Totschlag durchs Leben kommt. Und Hand auf’s Herz: wie oft haben wir Menschen den Tod gewünscht, ohne es ausgeführt zu haben? Ich gehe hier lieber nicht in die Details meiner kleinen imaginären mörderischen „To do“-Liste. 😉

Aber über Frage 22 wollte ich heute gar nicht sinnieren, sondern über Frage 14, meine absolute Lieblingsfrage, die heutzutage leider wieder viel aktueller geworden ist, als man/frau/mensch sich wünschen würde:

 

14) Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?

Wie ist das bei euch? Hasst ihr lieber/leichter bestimmte Gruppen? Oder braucht es für euren Hass eine persönliche Motivation und eine persönliche Beziehung zum Objekt des Hasses?

Die Unterscheidung zwischen personenbezogenem und gruppenbezogenem Hass ist eine sozialpsychologisch wichtige Unterscheidung:

Menschen, die sich lieber an ganzen Gruppen abarbeiten, neigen leider auch zu Pauschalität, Stereotypisierungen, Vorurteilen und in extremen Fällen auch zu diskriminierendem Verhalten. Sie brauchen in der Regel keine persönlichen negativen Erfahrungen, um ihren Hass zu legitimieren. Oftmals liegt auch kein persönlicher Kontakt zu der verhassten Gruppe vor. Meistens reicht es zur Entzündung des Hasses der Gruppen-Hasser, von den Erfahrungen anderer oder medialer Darstellungen bestimmter Gruppen zu wissen. Diese werden dann ungebrochen übernommen und reproduziert. „Aber die sind doch so und so – und das hasse ich einfach“ bekommt man/frau/mensch dann oft als Begründung zu hören.

Es gibt eine sehr spannende Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Unter der Leitung von Professor Wilhelm Heitmeyer wurden dort in einer Langzeitstudie (über einen Zeitraum von 10 Jahren) Erhebungen durchgeführt, um herauszufinden, wie die Einstellungen und Haltungen zu bestimmten Gruppen in der Gesellschaft sind und sich entwickeln. Das Heitmeyer-Team hat dabei herausgefunden: ja, ein großer Anteil der Gesamtbevölkerung neigt dazu, negative bzw. hasserfüllte Vorstellungen und Einstellungen gegenüber bestimmten Gesellschaftsgruppen zu pflegen. Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist: wenn ein Mensch die Neigung hat, eine negative Meinung z.B. über obdachlose Menschen zu haben, dann neigt ebendieser Mensch auch (stärker als andere) dazu, sich abwertend über Geflüchtete, über Arbeitslose, Menschen mit Behinderung etc. zu äußern. D.h. die menschenverachtende Meinung gegenüber bestimmten Gruppen scheint einer eher intrinsischen menschenverachtenden Haltung zu entspringen, die weitestgehend nicht objektgebunden ist. Also: hast du Spass daran, die eine zu Gruppe zu hassen, hast du vermutlich auch Spass daran, eine andere Gruppe zu hassen. Da der Hass in der Regel nicht erfahrungsbasiert und nicht persönlich motiviert ist, macht es keinen Unterschied, wen oder was man hasst. Heitmeyer fasste seine Beobachtungen unter dem Konzept „Syndrom Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zusammen. Die Studie ist sehr, sehr spannend und nachzulesen hier:

https://www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit_Zusammenfassung.pdf

Und dann scheint es noch einen anderen Typus des Menschenhassers zu geben: Menschen, die sich an bestimmten Individuen abarbeiten. In der Regel kennen sie diese Person gut, pflegen oftmals sogar (engen) Kontakt zu ihr und haben (eigene oder beobachtete) negative Erfahrungen mit der Person gemacht. Ich frage mich: ist der personengebundene Hass die „feinere“ Art zu hassen? Weil wir genaue erklären können, wen und warum wir hassen? Weil unser Hass erfahrungs- und beziehungsbasiert ist? Wir hassen nicht pauschal, sondern wir haben sehr gute Gründe, genau diese eine bestimmte Person zu hassen. Irgendwie klingt der personengebundene Hass legitimer in meinen Ohren.

Kommen wir zum zweiten Teil von Frisch‘ Frage 14, die ich hochbrisant finde:

„ … hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?“

Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen, d.h. die hohe Kunst des individuell gepflegten und personengebunden Hasses vom niederen im Mob gepflegten pauschalen Gruppenhass.

Solange ein Mensch vollkommen individuell und unorganisiert vor sich hinhasst, ist alles (zumindest gesellschaftlich betrachtet) noch absolut im harmlosen „grünen Bereich“, würde ich sagen. Vielleicht killt er die eine oder andere Person, die ihm auf den Sack geht. Aber that’s it. – Abgesehen davon, dass dies eine katastrophale individuelle menschliche Tragödie sein kann und dass das Morden aus Hass hier nicht als harmlose Tat dargestellt werden soll,  wirkt es sich in Gesellschaft doch anders aus als organisierter pauschaler Gruppenhass.

In dem Moment jedoch, wo gruppenhassende Menschen sich in Gruppen organisieren, um ihrer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit eine Öffentlichkeit zu geben und diese im politischen Raum zu verbalisieren und inszenieren, wird es gesellschaftlich bedrohlich. Und das passiert momentan bedauerlicher Weise in Deutschland und in weiten Teilen Europas und der Welt. Populismus, Nationalismus, Rechtsextremismus nehmen allgemein zu in einer Reihe von westlich-demokratischen Gesellschaften.

Und dann gibt es da noch die Misanthropen, deren individueller Hass sich nicht gegen bestimmte Gruppen oder Individuen richtet, sondern gegen die Menschheit und das Menschsein im Allgemeinen. Besonders nobel ist auch der misanthropische Allround-Hass nicht, aber wenigstens neigen Misanthropen (aufgrund ihrer grundlegenden Menschenverachtung) nicht dazu sich mit Ihresgleichen zusammenzurotten, um ihren Hass politisch oder gesellschaftlich wirksam durchzusetzen. Das Isolierende der Misanthropie hat in diesem Fall doch was Gutes an sich…

Ich wünsche euch eine hassfreie und friedvolle Woche –

Eure Leyla


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