Möchte ich gut sein oder möchte ich ganz sein?

Wenn ich auf meine Berufsbiographie schaue, muss ich erkennen: die Jobs, die ich bislang ausgeübt haben, hatten immer etwas auch mit meinen Kindheitserfahrungen zu tun. Erfahrungen von Gewalt, Erniedrigung, Abwertung, Diskriminierung, daheim, in Schule, Gesellschaft, haben mich früh für das Thema Gewalt sensibilisiert.

So kam es, dass ich mich im Psychologiestudium vor allem dem Thema Massengewalt widmete und z.B. die sozialpsychologischen Dynamiken und Ursachen des Nationalsozialismus tiefergehend erforschte. In der Literaturwissenschaft vertiefte ich mich in Subjekttheorien.

Was waren das für Subjekte in den Romanen?

Wie agierten/reagierten sie in ihren (fiktionalen) Räumen und Zusammenhängen, wie erlangten sie Handlungsmacht in augenscheinlich ohnmächtig machenden, kontrollierenden, gewalttätigen gesellschaftlichen Ordnungen, Verhältnissen und Strukturen?

Im Grunde waren das zwei Seiten ein und derselbe Medaille: wie entstehen gesellschaftliche Ordnungen und was machen sie mit uns?

Das waren sehr spannende Fragen, die ich lange verfolgte. Später im Job, immer wieder: wie muss Gesellschaft beschaffen sein, damit es allen oder möglichst vielen in ihr gut geht, sie teilhaben können, nicht gemobbt oder ausgegrenzt werden, wie funktioniert Integration, Inklusion und Empowerment?

Bis ich immer mehr zu dem Schluss kam: ich beschäftige mich mit diesen Fragen professionell, weil ich sie persönlich überhaupt nicht im Griff hatte. Das Thema  Aggression, Ausgrenzung, Gesellschaft, meine eigene Rolle und mein Selbstverständnis in dem ganzen Themenkomplex ist für mich auch heute immer noch eine riesige innerpsychische Leerstelle, für die ich noch keine Handhabe gefunden habe.

Eine Bewältigungsstrategie mit Tücken

Das ist ein Bewältigungsstrategie, die tatsächlich sehr viele Menschen fahren. Sie widmen sich im beruflichen Kontext einer Aufgabe oder forschen obsessiv über Themen, die sie selbst kaum im Griff haben. Das beste Beispiel dafür ist das klassische „hilflose Helfer“-Syndrom: Menschen, die sich mit ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht umzugehen wissen, neigen nicht selten dazu aufopfernd anderen Menschen zu helfen, diesen ihre Hilfe gerade aufzudrängen. Aus reinem Altruismus, selbstverständlich.

Gerade letzte Woche las ich eine spannende Stelle in dem Buch „Die Frau, die nicht lieben wollte“ von Stephen Grosz. Dort schildert der Psychoanalytiker Grosz den Fall einer Frau, die ständig von Krise zu Krise stolpert und sich dabei für alles mögliche schuldig fühlt. So hat sie beispielsweise den Geburtstag ihrer Schwester vergessen. Und er fragt: Könnte es sein, dass Sie den Termin  absichtlich vergessen haben, aus Rache an der Schwester? Grosz stellt fest, dass die Patientin dazu neigte, unaufhörlich in Krisen zu schlittern und ihre Katastrophengeschichten zu erzählen, um von eigenen destruktiven Impulsen abzulenken.

Von sich selbst auf andere lenken

Sogar während der Analyse lenkt sie oftmals ab. Als Grosz sie darauf anspricht, fällt der Patientin nach längerem Schweigen auf: „Ich glaube, ich werde Ihnen beim nächsten Mal ein paar Energiesparlampen mitbringen. Sie sollten sich wirklich mehr um die globale Erwärmung sorgen.“ Und jedes Mal, wenn sie sich mit ihren eigenen zerstörerischen Anteilen konfrontiert sieht, wird das so unerträglich für sie, dass sie unbewusst umschwenkt auf andere, in der Regel globale, ihr eigenes individuelles Leben übersteigende Großkatastrophen.

Viele Menschen machen das, gerade auch solche, die sich gern mit ihren Tugenden, ihrer Moral und Integrität schmücken und mit ihren moralischen Vorstellungen an die Öffentlichkeit gehen.

Schön und gut – warum könnte das überhaupt problematisch sein?

Freuds Ansätze sind, wie ich finde, hilfreich, um das Dilemma zu veranschaulichen. Stell dir vor, du bist ein Mensch, der einen sehr aggressiven Vater hatte, der seine Affekte überhaupt nicht im Griff hatte. Als Reaktion darauf entscheidest du (unbewusst), dass du nie so sein möchtest. Niemals. Für dich hat Aggressivität keinerlei ethischen Nutzen, du spaltest sie ab, tötest sie in dir ab. Und so wird diese verinnerlichte moralische Friedfertigkeit zu deiner Persönlichkeit. Dies klingt erst mal ok. Was sollte auch verwerflich daran sein moralisch gut und friedfertig zu sein? Oder?

Der Unterschied zwischen Harmlosigkeit und Friedfertigkeit

Tatsächlich werden hier zwei Dinge verwechselt: Harmlosigkeit vs. moralische Friedfertigkeit. Nietzsche sagte mal (sinngemäß): Moral und Feigheit liegen sehr eng beieinander. Vor allem die traditionelle Moral sei eigentlich gar keine Moral, sondern Feigheit. Ist man eine gute Person, weil man aus Überzeugung niemanden verletzt?

Oder ist man eine gute Person, weil man Angst hat zu verletzen? Denn Moral setzt immer auch Entscheidungsfreiheit voraus. Kann eine Person, die sich selbst aus Angst vor Gewalt/den Konsequenzen der eigenen Gewalttätigkeit zur Harmlosigkeit reduziert, überhaupt moralisch sein?

Nietzsche empfiehlt: Das Böse, die Aggression, die Gewalt muss einen Ort in dir haben, den du kennst. Du solltest wissen, wo sie sitzt, wie sie wirkt, wann sie sich zeigt …  so dass du bewusst und moralisch entscheiden kannst, wann du sie ins Spiel bringst und wann nicht. Nicht aus Angst, sondern als bewusste Entscheidung. 

Dies hat zur Folge, dass sich die Grenzen zwischen Gut und Böse auflösen. In dem Moment, wo du anerkennst: auch in mir wirkt Destruktives, verflüssigt sich dein moralisches Wertegerüst und deine gesamte Persönlichkeit. Du weißt immer noch, was gut ist und ungut. Aber du weißt auch: Ich bin in der Lage jederzeit Dinge zu tun, die nicht meiner Moral entsprechen.

Und genau deswegen entscheide ich mich bewusst zum Nichtdestruktiven. Du bist dann nicht mehr stolz auf das, was du bist, sondern auf das, was du sein könntest. Du weißt: du kannst dich jederzeit von dir selbst distanzieren, du gefrierst nicht zur Parodie deiner eigenen Moral, sondern bleibst handlungsfähig, transformationsfähig, angesichts des auf dich einströmenden Lebens, das sich nicht immer passgenau in rigide moralische Ordnungen einfügen lässt.

Flexible moralische Handlungsmuster

Diese flexible moralische Handlungsstruktur eröffnet neue Horizonte des persönlichen Wachstums und Glücks. Denn wenn es eine Faustformel in der Freudschen Psychologie gibt, dann diese: Die Verdrängung (ins ES oder ins Über-Ich) raubt Kraft, während die Auseinandersetzung mit den unerwünschten, destruktiven Anteilen und die Integration derselbigen in deine Persönlichkeit Energie freisetzt.

Freud beschrieb die Topologie der menschlichen Psyche in Gestalt der Haus-Metapher: oben im Dachgeschoss das kontrollierende Über-Ich, im Keller das verdrängte ES – beide in der Regel vollkommen unbewusst –  und in der Sandwichposition im Erdgeschoss das Ich, das versucht beide insistierenden Kräfte auszutarieren. I

Die Psyche als Eishockey-Spiel

Ich würde hier eine andere, dynamischere Metapher vorschlagen wollen: die Psyche als Eishockey-Spiel. Da gibt es die fairen Spieler, die defensiv-ängstlichen Spieler und die aggressiven Spieler. Sollte man die aggressiven Spieler aus dem Spiel ausschließen, weil sie sich ständig danebenbenehmen?

Könnte man machen, aber das würde ein eher ödes, ereignisloses, undynamisches Spielgeschehen ergeben. Nicht nur die Zuschauer, sondern die Spieler selbst würden sich langweilen. Denn wirklich interessant wird das Leben erst, wenn Bewegung, Reibung, Aufgeschlossenheit reinkommt: die Aggro-Spieler aufs Feld kommen dürfen und wir uns ein unterhaltsames, intensives Spiel liefern können, bei dem alle voneinander lernen.  Erst wenn die bösen Spieler aufs Feld dürfen und wir bereit sind sie anzuerkennen und kennenzulernen, werden wir ganz. Gutsein ist eine leichte Übung –  im Vergleich zum Ganzsein.

In meinem Leben findet das Destruktive im Moment noch keinen großen Raum. Ich wüsste auch nicht, wie und wo ich es leben könnte. Es scheint als habe ich das Destruktive vollkommen ausgetrieben. Bis heute finde ich es schwierig, in einengenden, gar bedrohlichen Situationen für mich souveräne Handlungsformen zu finden, durch die ich mich schützen kann, die sich gut anfühlen, die ich voller Überzeugung ausüben kann, ohne dass mir eine ängstliche Stimme ins Ohr flüstert: Das gehört sich aber nicht, das ist zu Aggro, zu grob, zu konfliktorientiert.

Manchmal nimmt das ziemlich perverse Formen an, z.B. habe ich oftmals als Angegriffene das irre Gefühl, meinem Aggressor trotz des Angriffs bzw. im Akt des Angriffs immer noch gewaltfreie Kommunikation, Friedfertigkeit und eine Wohlfühlstimmung schuldig zu sein. Das ist nicht moralisch, das ist kein stolzes Festhalten an Überzeugungen – das ist feige, Stockholmsyndrom in Reinform sozusagen.

Da ist also noch viel zu tun, auf dem Weg zu Ganzwerdung.

Eine Woche mit viel Mutmoral,

Eure Leyla


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