Heute Früh an der Straßenbahnhaltestelle saß ein Mann, den ich schon seit Ewigkeiten vom Sehen kenne. Er sitzt oft dort, mit seinem Morgenbier in der Hand und schaut interessiert den Vorbeigehenden hinterher.

Er ist einer jener Menschen, die es in jeder Stadt gibt. Sie sitzen oftmals an zentralen Orten, an Bahnhöfen, Haltestellen, Denkmälern, vor Drogerien und Eisdielen, sie beobachten das bunte Tun und Treiben um sie herum – und werden selbst aber selten wahrgenommen.

Heute aber nahm ich ihn wahr, denn er schaute mich direkt an und ich schaute ihn auch direkt an. Sogar direkt in die Augen. Und erstmalig ploppte in mir die Frage auf: Du, wer bist du eigentlich?

Normalerweise eile ich durch den Stadtraum mit festem Blick aufs Ziel gerichtet, von A nach B nach C und weiter. Hin und wieder landet mein Blick auf einzelnen Menschen, die besonders hübsch sind oder interessant gekleidet sind, die laut sprechen, die mich anrempeln … aber selten auf die stillen, unauffälligen, unbewegten, die irgendwo mittendrin sitzen und dennoch nicht wirklich Teil des Ganzen sind. Er war so einer: mittendrin, aber nicht da.

Erst als ich in der Straßenbahn saß, fiel mir plötzlich Bukowski ein. Einige von euch kennen Charles Bukowski sicherlich vom Namen her: amerikanischer Schriftsteller (neben seiner Haupttätigkeit als „Berufssäufer und Hurenbock“), der über die destruktiven Seiten und die Randexistenzen der amerikanischen Gesellschaft schrieb, über Menschen, die rausgefallen waren aus allen sozialen Zusammenhängen, über Sex, Drogen, Gewalt, Kriminalität, Tod.

Ich mochte Bukowskis Literatur nicht. Immer wieder hatte ich irgendwo kurz reingelesen, einige Seiten durchblättert und es für zu pornographisch, zu obszön, zu gewalttätig befunden und beiseite getan. Ja, sozialkritisch, schön und gut – aber eben auch sehr, sehr dunkel und zynisch.

Bis ich auf ein Gedicht von Bukowski stieß, das vollkommen anders war als seine übrigen Werke.

„Bluebird“

there’s a bluebird in my heart that
wants to get out
but I’m too tough for him,
I say, stay in there, I’m not going
to let anybody see
you.
there’s a bluebird in my heart that
wants to get out
but I pour whiskey on him and inhale
cigarette smoke
and the whores and the bartenders
and the grocery clerks
never know that
he’s
in there.

there’s a bluebird in my heart that
wants to get out
but I’m too tough for him,
I say,
stay down, do you want to mess
me up?
you want to screw up the
works?
you want to blow my book sales in
Europe?
there’s a bluebird in my heart that
wants to get out
but I’m too clever, I only let him out
at night sometimes
when everybody’s asleep.
I say, I know that you’re there,
so don’t be
sad.
then I put him back,
but he’s singing a little
in there, I haven’t quite let him
die
and we sleep together like
that
with our
secret pact
and it’s nice enough to
make a man
weep, but I don’t
weep, do
you?

Hier ein kleiner youtube-Clip, der das Gedicht in wunderschön Bilder übersetzt: https://www.youtube.com/watch?v=jsc3ItAKSLc&t=54s

Plötzlich sah ich Bukowskis gesamtes Werk mit ganz anderen Augen. Hinter dieser harten, widerlichen Säuferfassade, die er bewusst und provokativ kultiviert hatte, steckte ein Mensch, der die sanfte, gefühlvolle, zerbrechliche Stimme seines Selbst und seiner Seele zu schützen und abzuschirmen versuchte. Eben mit jener Fassade. Je härter, abwehrender, unnahbarer die Fassade, umso beschützenswerter und fragiler der kleine Vogel, denke ich. Warum sonst dieser ganze Aufwand?

Und ich dachte zurück an den Mann von der Straßenbahnhaltestelle, den ich plötzlich „gesehen“ hatte. War das sein kleiner blauer Vogel (deutsch: Hüttensänger), den ich da kurz hatte zwitschern sehen?

Oder war es eher mein eigener Vogel, der ihn bzw. seinen Vogel angezwitschert hatte? Meiner zwitschert seit langer Zeit auch sehr selten … ich halte ihn zwar (noch) nicht in Schach mit Alkohol, Drogen oder Pornographie – aber mit Arbeit, Pflichtgefühl, Diplomatie, Souveränität und Professionalität. Die meiste Zeit meines Lebens ist er eingesperrt. Oft habe ich das Gefühl, dass meine Mitmenschen meinen Vogel nicht ertragen. Dass der Ton, in dem er singt, nicht wohlklingend ist. Dass er nervt, aneckt, andere runterzieht, sich zumutet.

Aber vielleicht reicht es ja auch, wenn ich selbst erstmal öfter hinhöre, ihn hin und wieder rauslasse, ihn herumfliegen lasse. Irgendwo in einem geschützten Raum, wo er nicht abhauen kann. Das klingt sicher pathetisch: ich habe diese komische Vorstellung, dass mein Vogel eigentlich sehr froh wäre, wenn er weg könnte von mir. Doof.

Er ist übrigens silberfarben, glaube ich.

Ich wünsche euch eine Woche mit viel Vogelgezwitscher

Eure Leyla

 

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